Gewaltfreie Kommunikation in der Führung: Haltung, Werkzeug und Grenzen
- Larissa Carlsen

- 1. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Vielleicht hast du das auch schon mal erlebt: Ein Satz im Teammeeting reicht, und plötzlich wird aus einer sachlichen Diskussion ein emotionaler Konflikt. Menschen werden laut, ziehen sich zurück oder reden aneinander vorbei. Und oft bleibt am Ende vor allem eines: Frust.
Die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) entstand genau aus solchen Erfahrungen mit missglückter Verständigung. Marshall B. Rosenberg beobachtete in seiner Arbeit als Psychologe und Konfliktbegleiter, wie schnell Gespräche eskalieren, wenn Menschen sich nicht gesehen oder verstanden fühlen und wie schwer es ist, in solchen Momenten respektvoll miteinander in Kontakt zu bleiben.
Sein Kernanliegen war nicht, Menschen „freundlicher“ zu machen, sondern ihnen eine Sprache zu geben, die Klarheit schafft, ohne zu verletzen und die Verbindung ermöglicht, auch wenn Emotionen stark sind.
Die GfK ist kein Trick und keine Wattebausch-Sprache. Sie ist ein Modell, das uns hilft, hinter Verhalten zu schauen und zu verstehen, worum es Menschen wirklich geht. Gerade für Führungskräfte ist das wertvoll. Nicht um eigene Bedürfnisse durchzusetzen, sondern um Teammitglieder zu begleiten, wenn Ärger, Angst oder Spannung im Raum stehen.
Woher kommt die Gewaltfreie Kommunikation und warum Rosenberg sie entwickelte
Marshall B. Rosenberg hat die Gewaltfreie Kommunikation nicht als Theorie am Schreibtisch entwickelt, sondern aus einer tiefen persönlichen Erfahrung heraus. Er wuchs in den 1940er-Jahren in Detroit auf. In einer Zeit, in der rassistische Spannungen, soziale Ungleichheit und Gewalt zum Alltag gehörten. Als jüdisches Kind erlebte er Ausgrenzung, Demütigungen und körperliche Angriffe. Diese Erlebnisse prägten ihn nachhaltig und ließen ihn eine Frage nicht los:
Warum verletzen Menschen einander, selbst dann, wenn sie eigentlich verstanden werden wollen?
Später, während seines Psychologiestudiums, fiel ihm ein zweites Muster auf: In vielen Konflikten ging es gar nicht um das, worüber gestritten wurde. Es ging um Bedürfnisse, die nicht gesehen, nicht gehört oder nicht ernst genommen wurden. Aus seiner Arbeit als Mediator und Konfliktbegleiter, unter anderem in Schulen, Gefängnissen und Krisengebieten, wurde für Rosenberg immer klarer:
Gewalt entsteht dort, wo Menschen den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen verloren haben oder sie nur noch auf Kosten anderer durchsetzen können.
Die Gewaltfreie Kommunikation entstand als Antwort auf diese Erkenntnis. Rosenberg suchte nach einem Weg, wie Menschen miteinander sprechen können, ohne zu beschuldigen oder zu beschämen. Ein Weg, der Verständigung fördert, auch dann, wenn Emotionen stark sind.
Wichtig ist dabei ein Kerngedanke, der oft übersehen wird:
GfK ist keine Kommunikationstechnik, sondern eine Haltung.
Sie geht davon aus, dass jedes Verhalten, Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses ist. Und dass Verbindung entsteht, wenn Menschen lernen, diese Bedürfnisse klarer wahrzunehmen und auszudrücken. Aus dieser Haltung heraus entwickelte Rosenberg später die vier Schritte der GfK: nicht als starres Modell, sondern als Orientierung für Gespräche, die sowohl Klarheit als auch Empathie ermöglichen.
Die Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation
Die Gewaltfreie Kommunikation wirkt oft wie ein Gesprächsmodell. Tatsächlich basiert sie aber auf einer Reihe psychologischer Grundannahmen, die man verstehen muss, bevor die vier Schritte überhaupt Sinn ergeben. Rosenberg selbst betonte immer wieder: GfK ist keine Technik, sondern eine innere Haltung.
Menschen handeln aus Bedürfnissen, nicht aus Bosheit
Im Zentrum der GfK steht die Annahme, dass jedes Verhalten, selbst aggressives, laut werdendes oder vermeidend-passives, Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses ist. Ärger zeigt vielleicht ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Rückzug ein Bedürfnis nach Schutz. Kontrolle ein Bedürfnis nach Klarheit.
Diese Sichtweise ist nicht naiv, sondern erklärt, warum Konflikte oft eskalieren: Menschen verhandeln ihre Strategien, aber das eigentliche Bedürfnis dahinter bleibt verborgen.
Bewertungen schaffen Distanz, Beobachtungen schaffen Klarheit
Die GfK geht davon aus, dass viele Missverständnisse nicht durch Inhalte, sondern durch Interpretationen entstehen. Sobald wir bewerten („Du bist unzuverlässig“), geht die Verbindung verloren. Sobald wir konkret beschreiben („Du bist dreimal später als vereinbart zum Meeting erschienen“), entsteht Gesprächsraum.
Nicht die Bewertung schafft Verständnis, sondern die Trennung von Beobachtung und Interpretation.
Gefühle zeigen, was Bedürfnisse brauchen
Gefühle werden in der GfK als Wegweiser verstanden: Sie zeigen an, ob ein Bedürfnis erfüllt ist oder nicht.
Wichtig ist dabei die Differenz zwischen:
echten Gefühlen (z. B. traurig, frustriert, angespannt, erleichtert)
Pseudogefühlen (z. B. „nicht ernst genommen“, „übersehen“, „unter Druck gesetzt“)
Pseudogefühle sind in Wahrheit Bewertungen des Gegenübers. Sie machen Gespräche schnell eng und konflikthaft. Echte Gefühle dagegen öffnen den Raum für Verständnis.
Strategien sind verhandelbar, Bedürfnisse nicht
Ein häufiger Konflikt entsteht, wenn Menschen ihre Strategien wie Bedürfnisse behandeln. Eine Strategie ist ein konkreter Vorschlag („Schick mir jeden Morgen einen Statusbericht“). Das Bedürfnis dahinter könnte „Sicherheit“ oder „Transparenz“ sein.
GfK sagt: Bedürfnisse sind universell. Strategien sind individuell. Wenn wir das verwechseln, reden wir aneinander vorbei.
Empathie schafft Verbindung, auch ohne Zustimmung
Empathie heißt in der GfK nicht, dass du zustimmst. Sie heißt: Du versuchst zu verstehen, was in deinem Gegenüber vorgeht. Gefühle, Bedürfnisse, Anliegen.
Das ist besonders relevant für Führungskräfte: Empathie ist hier kein „Nachgeben“, sondern ein professionelles Werkzeug, um den Kern eines Konflikts zu verstehen.
Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation
Die vier Schritte der GfK werden oft als Methode vermittelt. Rosenberg selbst verstand sie jedoch als Orientierung, die hilft, Gespräche zu entwirren, Klarheit zu schaffen und Verbindung zu ermöglichen. Sie sind kein Rezept, sondern ein Weg, Kommunikation bewusster zu gestalten.
Beobachtung: Was ist konkret passiert?
Der erste Schritt klingt simpel, ist aber eine der größten Herausforderungen: Es geht darum, zu beschreiben, was geschehen ist. Ohne Bewertung, Interpretation oder Diagnose.
„Du kommst immer zu spät“ (Bewertung)
„Du warst heute und gestern jeweils 10 Minuten nach Beginn im Meeting“ (Beobachtung)
Warum das wichtig ist: Bewertungen lösen oft sofort Gegenspannung aus. Beobachtungen dagegen schaffen Neutralität und machen es möglich, über dasselbe Ereignis zu sprechen.
Gefühl: Was löst das in mir aus? (und was nicht)
Gefühle sind der Kompass der GfK. Sie zeigen, ob Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind. Doch Rosenberg unterscheidet klar zwischen Gefühlen und Pseudogefühlen.
Echte Gefühle
Das sind innere Zustände, die du in dir wahrnehmen kannst, z. B.:
traurig
frustriert
angespannt
erleichtert
nervös
enttäuscht
Pseudogefühle
Klingen wie Gefühle, sind aber versteckte Bewertungen des Gegenübers:
„Ich fühle mich nicht ernst genommen.“
„Ich fühle mich manipuliert.“
„Ich fühle mich übersehen.“
Hier sagst du eigentlich: „Du nimmst mich nicht ernst, du manipulierst mich.“ Pseudogefühle heizen Konflikte an, weil sie das Gegenüber sofort in die Verteidigung bringen.
Warum die Unterscheidung wichtig ist: Nur echte Gefühle öffnen den Raum für Verständigung und klären, was jemand wirklich braucht.
Bedürfnis: Worum geht es im Kern?
Gefühle sind wie Hinweisschilder, sie zeigen uns, dass ein Bedürfnis erfüllt oder unerfüllt ist. Bedürfnisse sind in der GfK universell: z. B. Sicherheit, Orientierung, Autonomie, Verbindung, Ruhe, Sinn, Einfluss, Gehör.
Konflikte entstehen selten wegen Bedürfnissen. Konflikte entstehen häufig wegen Strategien, also der Frage wie ein Bedürfnis erfüllt werden soll.
Bedürfnis vs. Strategie (der zentrale Unterschied)
Bedürfnis: „Ich brauche Klarheit.“
Strategie: „Ich will, dass du mir jeden Morgen um 9 Uhr einen Status schickst.“
Bedürfnis: „Ich brauche Ruhe, um mich zu konzentrieren.“
Strategie: „Ich möchte im Home Office arbeiten.“
Warum das so wichtig ist: Teams diskutieren oft stundenlang über Strategien, ohne zu verstehen, welches Bedürfnis dahintersteht. Erst wenn das klar ist, wird Zusammenarbeit einfacher und Konflikte werden lösbarer.
Bitte: Worum bitte ich konkret?
Der vierte Schritt ist eine Einladung in den Dialog. Es geht darum, eine konkrete, machbare Bitte zu formulieren, nicht eine Forderung.
Der Unterschied:
Eine Bitte lässt dem Gegenüber Wahlfreiheit.
Eine Forderung erzeugt Druck und verschließt den Raum.
Typische Fehler in diesem Schritt:
Bitten, die eigentlich Forderungen sind („Kannst du bitte nächstes Mal pünktlich sein?“ mit strafendem Unterton).
Bitten, die zu unkonkret sind („Lass uns besser kommunizieren“).
Bitten, die das Bedürfnis nicht abbilden (wenn Schritt 3 übersprungen wurde).
Eine klare Bitte könnte sein:
„Kannst du mir heute bis 17 Uhr eine kurze Rückmeldung geben?“
„Wärst du bereit, im nächsten Meeting fünf Minuten früher da zu sein?“
GfK endet hier nicht, sondern ermöglicht erst jetzt echten Dialog: Was ist möglich? Was braucht das Gegenüber? Welche Alternativen gibt es?
Gewaltfreie Kommunikation in der Führungspraxis sinnvoll eingesetzt
Viele Führungskräfte sind neugierig auf die Gewaltfreie Kommunikation, nutzen sie aber falsch. Sie glauben, sie müssten eigene Bedürfnisse ausführlich benennen oder „besonders einfühlsam“ klingen. Doch genau das führt oft zu einer künstlichen, unnatürlichen Sprache, die eher Distanz schafft als Verbindung.
Die GfK ist für Führungskräfte dann am stärksten, wenn sie nicht als Werkzeug zum Durchsetzen oder Selbstoffenbaren genutzt wird, sondern als Instrument, um Teammitgliedern in emotional aufgeladenen Situationen Orientierung zu geben.
GfK als Frage-Tool: Wenn Teammitglieder wütend, frustriert oder verängstigt sind
Führung bedeutet, Räume zu halten, in denen Menschen sicher sagen können, wie es ihnen geht, besonders dann, wenn die Wellen hochschlagen. Hier ist die GfK ein starkes Werkzeug, weil sie hilft, die Situation zu verlangsamen, zu sortieren und die Bedürfnisse hinter der Emotion sichtbar zu machen.
Typische Situationen:
Ein Teammitglied ist wütend über eine Entscheidung.
Jemand ist frustriert über eine Änderung im Projekt.
Eine Person wirkt ängstlich, gereizt oder zieht sich zurück.
Hier geht es nicht darum, selbst empathisch zu klingen oder eigene Gefühle zu schildern. Es geht darum, Fragen zu stellen, die helfen, die Emotion zu entwirren:
Mögliche GfK-geleitete Führungsfragen:
„Was genau war der Auslöser für dich?“ (Beobachtung)
„Welche Gefühle sind gerade da, eher Ärger, Frust, Unsicherheit…?“ (Gefühl)
„Worum geht es dir im Kern? Was brauchst du, damit es für dich klarer oder leichter wird?“ (Bedürfnis)
„Was würde dir in diesem Moment helfen?“ (Bitte)
Diese Fragen schaffen Klarheit ohne Bewertung und signalisieren: Ich sehe dich. Ich nehme dich ernst. Lass uns verstehen, was hier gerade wirklich passiert.
Wichtig: Du übernimmst nicht die Emotion, nicht die Verantwortung und nicht den Konflikt. Du führst nur den Klärungsprozess, damit die Person wieder handlungsfähig wird.
Was Führungskräfte mit GfK nicht tun sollten
Die GfK ist wirkungsvoll, aber falsch eingesetzt wirkt sie manipulativ oder künstlich. Besonders folgende Fehlanwendungen solltest du vermeiden:
„Ich mache jetzt mal GfK mit dir.“
So wirkt GfK schnell wie ein psychologisches Manipulationswerkzeug. Menschen spüren das sofort und machen emotional dicht.
GfK als Wattebausch-Sprache
GfK ist nicht „nett sein“. Es geht nicht darum, negative Emotionen weichzuspülen oder Konflikte zu vermeiden. Im Gegenteil: Sie soll ermöglichen, sie klarer anzusprechen.
Gefühle „erzeugen“ oder interpretieren
Sätze wie „Ich sehe, du bist frustriert“ wirken schnell wie eine Bewertung. Sie legen dem Gegenüber eine Emotion fest, unabhängig davon, ob sie stimmt oder nicht.
Hilfreicher ist eine offene Frage, die Raum lässt:
„Wie geht es dir gerade damit?“
„Was macht das mit dir?“
„Kann es sein, dass dich das frustriert oder ist es etwas anderes?“
So öffnest du den Gesprächsrahmen, statt ihn durch Interpretation zu verengen.
Die Grenzen der GfK: Wo Empathie auf klare Führung trifft
So wertvoll die GfK für Verständnis und Deeskalation ist Führung hat Grenzen, in denen der Handlungsspielraum nicht verhandelbar ist.
Typische Situationen:
Rollen- und Aufgabenklärung
Entscheidungen mit klaren Vorgaben
Fehlverhalten, das Konsequenzen braucht
Sicherheits- oder Qualitätsrisiken
Zeitkritische Entscheidungen
Hier hilft GfK nicht als Methode, sondern als Haltung: Du kannst klar, konsequent und respektvoll zugleich sein, aber du musst führen.
Beispiel: „Ich verstehe, dass du mit der Entscheidung unzufrieden bist. Gleichzeitig bleibt sie so, weil wir sie für die Zielerreichung brauchen.“
Hier dient Empathie nicht dazu, Widerstand aufzulösen, sondern um Respekt zu zeigen, während du gleichzeitig deine Führungsrolle wahrnimmst.
Was du aus der GfK für deine Führung mitnehmen kannst
Die Gewaltfreie Kommunikation ist weit mehr als ein Gesprächsmodell. Sie bietet eine klare Orientierung in Situationen, in denen Emotionen hochgehen, Menschen aneinander vorbeireden oder Konflikte festgefahren scheinen. Ihr Kern liegt nicht in „richtigen Formulierungen“, sondern in einer Haltung, die auf Verständnis, Klarheit und gegenseitige Achtung abzielt.
Für Führungskräfte bedeutet das: Du musst keine perfekten GfK-Sätze sprechen. Entscheidend ist, wie du in schwierigen Momenten präsent bleibst, Fragen stellst und Raum für Klärung schaffst. GfK hilft dir, unter der Oberfläche zu hören. Dort, wo Gefühle und Bedürfnisse sichtbar werden, die ein Verhalten erklären. Gleichzeitig bleibt Führung Führung: Es gibt Momente, in denen Entscheidungen stehen müssen, auch wenn nicht alle Bedürfnisse erfüllt werden können.
Richtig verstanden bietet die GfK eine professionelle Form der Empathie, die Gespräche wertschätzender, klarer und konstruktiver macht. Ohne künstlich oder weichgespült zu wirken. Sie unterstützt dich dabei, Konflikte nicht nur zu moderieren, sondern wirklich zu verstehen. Und genau hier beginnt die Veränderung.
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, lohnt sich ein Blick in Marshall Rosenbergs Buch „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“. Es vermittelt nicht nur die vier Schritte, sondern zeigt vor allem, wie kraftvoll eine klare, respektvolle und bedürfnisorientierte Haltung im Alltag wirken kann, weit über Konfliktsituationen hinaus.
Vielleicht merkst du beim Lesen dieses Artikels, dass dich das Thema im Führungsalltag öfter begleitet, als dir lieb ist: Gespräche, die festlaufen. Teammitglieder, die emotional reagieren. Situationen, in denen Klarheit gebraucht wird, aber nicht auf Kosten der Beziehung.
Genau an dieser Stelle unterstütze ich dich als Coach.
Wenn du Lust hast, diesen Weg für dich oder dein Team weiterzugehen, kannst du hier direkt ein Kennenlerngespräch mit mir buchen:

Ich freue mich, wenn du dir einen Impuls aus diesem Artikel mitnimmst und vielleicht sogar mit deinem Team ausprobierst.
Herzliche Grüße, Larissa



